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Patriarch Filaret Denysenko

Patriarch Filaret Denysenko ist eine Figur, ohne die weder das spät­sowjetische Kirchensystem noch die dramatischen Transformationen der ukrainischen Orthodoxie am Ende des 20. Jahrhunderts verstanden werden können. Seine Biografie wird häufig entweder als Geschichte eines Kämpfers für die Unabhängigkeit der Kirche oder als Beispiel für Kirchenspaltung und persönliche Ambition dargestellt. Jenseits dieser gegensätzlichen Bewertungen liegt jedoch ein komplexeres und vielleicht genaueres Bild: Filaret als typischer Vertreter seiner Epoche — einer Epoche, in der eine kirchliche Karriere untrennbar mit der Interaktion mit dem Staat und bisweilen auch mit der Zusammenarbeit mit dessen Sicherheitsstrukturen verbunden war.

In den Sowjetjahren war er Teil eines Systems, in dem der KGB und die kirchliche Hierarchie in enger, wenn auch nicht immer öffentlich anerkannter Wechselwirkung standen. Wie viele Bischöfe jener Zeit handelte Filaret innerhalb der von der Macht vorgegebenen Regeln und trat lange Zeit gegen die Idee kirchlicher Unabhängigkeit in der Ukraine auf. Doch bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre änderte sich seine Position ins Gegenteil: Er wurde zu einem der wichtigsten Befürworter der Autokephalie und später zum Anführer eines neuen kirchlichen Projekts.

Diese abrupte Wendung wird bis heute diskutiert. War sie das Ergebnis persönlicher Entwicklung, eine Reaktion auf politische Veränderungen oder Ausdruck des Pragmatismus eines Menschen, der daran gewöhnt war, in jedem System zu arbeiten? Die Antwort liegt weniger in moralischen Urteilen als in dem Versuch, Filaret nicht als Ausnahme, sondern als Produkt seiner historischen Umwelt zu sehen — mit all ihren Kompromissen, Widersprüchen und Umbrüchen.

Wer er ist und wie er seine Karriere begann

Filaret Denysenko (bürgerlich Mychajlo Antonowytsch Denysenko) wurde 1929 im Donbas geboren — einer Region, die in der Sowjetzeit tief in das industrielle und ideologische System der UdSSR integriert war. Sein Weg in die Kirche begann in den Nachkriegsjahren, als das religiöse Leben unter strenger staatlicher Kontrolle stand, zugleich aber nach der Wende Stalins im Jahr 1943 teilweise legalisiert worden war.

Er erhielt seine theologische Ausbildung an der Moskauer Geistlichen Akademie — einem zentralen Ausbildungsort der kirchlichen Elite. Hier formte sich der Typus des sowjetischen Kirchenhierarchen: gebildet, diszipliniert, systemloyal und fähig, mit dem Staat zu kommunizieren. Denysenkos Karriere verlief rasch, was auf seine organisatorischen Fähigkeiten und sein Geschick im Umgang mit einem komplexen kirchlich-politischen Umfeld hinweist.

Bereits in den 1960er-Jahren wurde er zu einem der prominenten Vertreter des Episkopats der Russischen Orthodoxen Kirche, und 1966 übernahm er einen der wichtigsten Sitze — als Metropolit von Kiew und Galizien. Dies war eine der bedeutendsten Positionen in der kirchlichen Hierarchie der UdSSR: Der Kiewer Sitz hatte nicht nur geistliche, sondern auch politische Bedeutung, da die Ukraine die größte Republik mit einer stark religiösen Bevölkerung war.

Der Kontext ist entscheidend: Ernennungen zu solchen Positionen waren in der Sowjetzeit ohne Zustimmung staatlicher Behörden unmöglich. Die Kirche funktionierte faktisch in einem System, in dem zentrale Entscheidungen unter Kontrolle der Parteistrukturen und der Sicherheitsdienste, vor allem des KGB, standen. Das bedeutet nicht zwangsläufig direkte Agententätigkeit in jedem Einzelfall, schließt jedoch eine vollständige institutionelle Autonomie praktisch aus.

So entwickelte sich Filarets frühe Karriere innerhalb des sowjetischen Modells kirchlicher Verwaltung — eines Modells, in dem persönliche Initiative mit der Notwendigkeit verbunden war, staatliche Interessen zu berücksichtigen. Diese Erfahrung prägte maßgeblich seine späteren Handlungen und seine Fähigkeit, sich an die radikal veränderten Bedingungen des späten 20. Jahrhunderts anzupassen.

Im System: Kirche und sowjetische Macht

Zu dem Zeitpunkt, als er sich auf dem Kiewer Sitz fest etabliert hatte, war Filaret Denysenko nicht mehr nur ein kirchlicher Administrator, sondern Teil eines komplexen institutionellen Systems, in dem die Russische Orthodoxe Kirche eine klar definierte Rolle spielte. In der späten Sowjetzeit existierte die Kirche als legale, aber kontrollierte Struktur: Ihr wurde erlaubt zu funktionieren, jedoch im Austausch für Loyalität und Vorhersehbarkeit.

In diesem System spielten staatliche Organe eine zentrale Rolle, insbesondere der KGB und der Rat für Religionsangelegenheiten. Ihre Aufgabe bestand nicht nur darin, religiöse Aktivitäten zu begrenzen, sondern auch die kirchliche Hierarchie zu steuern — durch Zustimmung zu Ernennungen, Kontrolle internationaler Kontakte und Einfluss auf die interne Agenda. Höhere Hierarchen, darunter auch Filaret, befanden sich zwangsläufig im Einflussbereich dieser Interaktion.

Die Natur dieser Beziehungen ist weiterhin Gegenstand von Debatten. In der postsowjetischen Zeit wurden Materialien veröffentlicht, die auf mögliche Kontakte zwischen Teilen des Episkopats und den Sicherheitsdiensten hinweisen; jedoch erfordern Ausmaß und Form solcher Kooperation in jedem Einzelfall eine vorsichtige Bewertung. Wichtiger ist, dass die Logik des Systems selbst voraussetzte, dass ohne ein gewisses Maß an Vertrauen seitens des Staates weder eine hohe kirchliche Position erreicht noch gehalten werden konnte.

In der Praxis bedeutete dies die Teilnahme an offiziellen Delegationen, die Unterstützung der außenpolitischen Linie der UdSSR auf religiösen Plattformen sowie die Eindämmung aller Initiativen, die als nationalistisch oder staatsfeindlich wahrgenommen werden konnten. In diesem Kontext erschien Filarets Position zur ukrainischen Kirchenfrage in den 1970er- und 1980er-Jahren konsequent: Er sprach sich gegen die Autokephalie aus und verteidigte die Einheit der kirchlichen Struktur innerhalb des Moskauer Patriarchats.

Somit war Filaret in der Sowjetzeit keine Ausnahme — vielmehr verkörperte er den typischen Hierarchen seiner Zeit: einen effizienten Administrator, eingebettet in das staatskirchliche Modell und handelnd nach dessen Logik. Genau deshalb erscheint seine spätere Transformation zu Beginn der 1990er-Jahre so abrupt und ruft bis heute lebhafte Diskussionen hervor.

Die Wende: vom Gegner zum Befürworter der Autokephalie

Das Ende der 1980er-Jahre und der Zerfall der UdSSR wurden zu einem Wendepunkt nicht nur für den Staat, sondern auch für das gesamte kirchliche System. Für Filaret bedeutete dies den Verlust der gewohnten Spielregeln, in denen er jahrzehntelang erfolgreich agiert hatte. Mit der Abschwächung der Kontrolle durch den KGB und die Parteistrukturen stand die kirchliche Elite vor der Frage: Wie soll man in einer neuen politischen Realität existieren, in der Nationalstaaten und der Wunsch nach institutioneller Unabhängigkeit in den Vordergrund treten?

Noch kurz zuvor hatte Filaret konsequent gegen die Autokephalie Stellung bezogen und die Einheit der Russischen Orthodoxen Kirche verteidigt. Doch bereits 1991–1992 änderte sich seine Position grundlegend: Er wurde zu einem der wichtigsten Befürworter der vollständigen Unabhängigkeit der Ukrainischen Kirche. Diese Wende fiel mit der Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine und dem wachsenden politischen Wunsch nach eigenen nationalen Institutionen zusammen, einschließlich kirchlicher.

Die Gründe für diese Transformation werden bis heute unterschiedlich interpretiert. Einige sehen darin eine Entwicklung seiner Überzeugungen und den Versuch, auf neue historische Herausforderungen zu reagieren. Andere sehen darin pragmatische Berechnung und den Wunsch, seine Führungsposition in einer Situation zu bewahren, in der die bisherige Machtvertikale rasch zerfiel. Ein weiterer wichtiger Faktor war der innerkirchliche Konflikt: Nach dem gescheiterten Versuch, den patriarchalen Thron in Moskau zu besetzen, schwächte sich Filarets Position im Moskauer Zentrum, was ihn ebenfalls zur Suche nach einem alternativen Weg bewegt haben könnte.

1992 eskalierte dieser Konflikt zu einer offenen Konfrontation, die zum Bruch mit dem Moskauer Patriarchat und zur Gründung einer neuen kirchlichen Struktur führte — der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats. Von diesem Moment an wurde Filaret nicht nur zu einem Befürworter der Autokephalie, sondern zu ihrem wichtigsten Symbol und kirchlich-politischen Führer.

Sein Übergang vom Verteidiger der Einheit zum Anführer der autokephalen Bewegung erscheint somit weniger als plötzlicher Bruch, sondern vielmehr als Ergebnis eines Zusammenspiels persönlicher, institutioneller und historischer Faktoren. Doch gerade die Schärfe und das Ausmaß dieser Wende machten Filaret zu einer der umstrittensten Figuren der neueren Kirchengeschichte der Ukraine.

Führer einer Spaltung oder Architekt der Unabhängigkeit?

Nach 1992 tritt Filaret Denysenko endgültig aus dem ihm vertrauten System heraus und wird zu einer Figur neuen Typs — nicht nur als kirchlicher Hierarch, sondern auch als politisch-religiöser Führer. Als Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats baut er über Jahrzehnte hinweg eine alternative kirchliche Struktur auf, die zwar keine kanonische Anerkennung durch die Weltorthodoxie besitzt, sich jedoch allmählich in der ukrainischen Gesellschaft verankert.

Patriarch Filaret und Metropolit Onufrij

Seine Tätigkeit in dieser Phase lässt sich schwer eindeutig bewerten. Einerseits wurde er für seine Anhänger zum Symbol des Kampfes für eine unabhängige ukrainische Kirche, zu einem Menschen, der die Idee der Autokephalie trotz Widerstands der Russischen Orthodoxen Kirche und Skepsis anderer Ortskirchen konsequent verteidigte. In diesem Narrativ erscheint Filaret als Stratege und Organisator, dem es gelang, eine kirchliche Struktur ohne externe Anerkennung zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Andererseits sehen seine Gegner in dieser Phase eine Vertiefung der Kirchenspaltung, begleitet von harten Führungsmethoden, Konflikten um Kirchengebäude und kanonische Territorien sowie einer starken Personalisierung der Macht innerhalb der Struktur. In dieser Interpretation erscheint Filaret weniger als geistlicher Führer, sondern eher als Administrator, der versucht, die Kontrolle über das von ihm geschaffene System zu behalten.

Die Situation wurde nach 2018 noch komplizierter, als die Orthodoxe Kirche der Ukraine gegründet wurde und ein Tomos der Autokephalie vom Ökumenischen Patriarchat erhalten wurde. Es schien, als sei das Ziel, auf das er jahrzehntelang hingearbeitet hatte, erreicht. Doch schon bald geriet Filaret in Konflikt mit der neuen kirchlichen Führung und versuchte faktisch, die frühere Struktur des Kiewer Patriarchats wiederherzustellen. Dieser Schritt wirft erneut die Frage auf: Was war für ihn entscheidend — die Idee der Autokephalie selbst oder die Kontrolle über die kirchliche Organisation?

Am Ende bleibt die Figur Filarets Gegenstand intensiver Debatten. Für die einen ist er der Architekt der kirchlichen Unabhängigkeit der Ukraine, für die anderen der Initiator und das Symbol einer langanhaltenden Spaltung. In jedem Fall bleibt seine Rolle bei der Gestaltung der modernen ukrainischen Orthodoxie zentral und in vieler Hinsicht prägend.