➕ Inhaltsverzeichnis
Religion war stets ein feiner Marker von Identität – selbst in Gesellschaften, die Jahrzehnte staatlichen Atheismus erlebt haben. Für die Ukraine, in der der Glaube untrennbar mit Geschichte, Krieg und Politik verwoben ist, stellt die Figur des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ein besonderes Phänomen dar. Seine Herkunft aus einer jüdischen Familie, seine Erziehung in einem sowjetisch-säkularen Umfeld und das Fehlen einer demonstrativen öffentlichen Religiosität formen ein komplexes und zugleich bezeichnendes Bild des modernen Ukrainers – eines Menschen, für den der Glaube Privatsache ist und kein politisches Symbol.
Herkunft und familiärer Hintergrund
Wolodymyr Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 in Krywyj Rih geboren – einer großen Industriestadt mit der für die Sowjetzeit typischen kulturellen Atmosphäre, in der Religiosität eher verborgen als offen gelebt wurde. Sein Vater, Oleksandr Semenowytsch Selenskyj, ist Professor der technischen Wissenschaften und langjähriger Dozent am Wirtschaftsinstitut Krywyj Rih; er ist jüdischer Herkunft. Seine Mutter, Rymma Wolodymyriwna, ist ebenfalls Ingenieurin. Die Familie gehörte jener Generation sowjetischer Intellektueller an, für die ethnische Herkunft Teil der Biografie war, nicht jedoch religiöser Praxis.
Selenskyj selbst sagte später, er sei in einer „ganz gewöhnlichen sowjetischen jüdischen Familie“ aufgewachsen – eine Formulierung, die den Geist der Epoche treffend widerspiegelt: kulturelle Identität bleibt erhalten, doch religiöse Traditionen werden nicht praktiziert. Sein Großvater, Semen Selenskyj, nahm am Zweiten Weltkrieg teil, während andere Familienmitglieder während des Holocaust ums Leben kamen. Diese Erfahrung – auch wenn sie nicht in Theologie übersetzt wurde – blieb Teil des familiären Gedächtnisses über den Preis des Überlebens, Würde und Ungerechtigkeit.
Im Unterschied zu vielen Politikern, die in einem kulturell orthodoxen Umfeld aufgewachsen sind, hatte Selenskyj keine enge Bindung an eine bestimmte Konfession. Seine geistige Prägung erfolgte vielmehr in einem säkularen, humanistischen Kontext, in dem moralische Orientierung nicht vom Alltag getrennt war. In diesem Sinne wurde er zum Vertreter jener Generation von Ukrainern, die sowjetische Bildung, postsowjetische Offenheit und eine europäische Sensibilität für Fragen der Gewissensfreiheit miteinander verband.
Persönliche Haltung zur Religion
Wolodymyr Selenskyj gehört keiner religiösen Gemeinschaft an und äußert sich nur selten zu Fragen des persönlichen Glaubens. In einem Interview sagte er:
Natürlich glaube ich an Gott. Aber ich spreche mit Ihm nur in jenen Momenten, die für mich persönlich sind.
Diese Aussage gehört zu den wenigen öffentlichen Zeugnisse seiner religiösen Auffassungen.
Insgesamt verwendet Selenskyj in seiner politischen Rhetorik kaum religiöse Terminologie und positioniert sich nicht als gläubige Person im konfessionellen Sinne. Seine Aussagen zu Glauben, Gut und Böse oder Gerechtigkeit haben überwiegend einen ethischen, nicht jedoch einen theologischen Charakter.
Einige Beobachter sehen darin einen Teil des umfassenderen Säkularisierungsprozesses der ukrainischen Politik, in dem die religiöse Identität eines Staatsoberhauptes nicht als notwendiger Bestandteil seines öffentlichen Bildes gilt. Andere interpretieren diese Haltung als bewusste Vorsicht, um religiöse Spaltungen in einem multikonfessionellen Staat zu vermeiden.
Öffentliche Religiosität im politischen Kontext
In seiner öffentlichen Tätigkeit greift Wolodymyr Selenskyj nur selten auf religiöse Sprache oder Symbolik zurück. Im Gegensatz zu vielen Politikern der Region beruft er sich nicht auf die Kirche als Quelle politischer Unterstützung und präsentiert sich nicht als Vertreter einer bestimmten Konfession. In seinen Reden erscheint Religion vor allem im Kontext allgemeiner menschlicher Werte – Glaube, Gerechtigkeit, Hoffnung und Mitgefühl.
Selenskyj richtet traditionell Grußworte zu religiösen Feiertagen an die Bürger – Weihnachten, Ostern, Rosch ha-Schana, Ramadan –, tut dies jedoch in einer Weise, die die interkonfessionelle Gleichheit betont. Er vermeidet theologische Begriffe und hebt stattdessen den moralischen Gehalt der Feste sowie die Rolle der Religion als Faktor gesellschaftlicher Einheit hervor.
Nach Beginn des großangelegten Krieges im Jahr 2022 tauchten religiöse Motive in den Ansprachen des Präsidenten häufiger auf, blieben jedoch überkonfessionell. Formulierungen wie „wir sind alle gläubiger geworden“ wurden rhetorisch verwendet – als Ausdruck nationaler Solidarität, nicht als Hinweis auf eine spirituelle Bekehrung.
So ist Selenskyjs öffentliche Religiosität eher ein Element staatlicher Kommunikation als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit. Sie dient der Förderung von Inklusivität, der Vermeidung konfessioneller Spaltungen und der Formung eines neutralen Bildes des Staatsoberhauptes, das alle religiösen Gruppen des Landes repräsentiert.
Beziehungen zu religiösen Gemeinschaften

Wolodymyr Selenskyj erklärt konsequent eine Position gleicher Distanz zu religiösen Organisationen. Seine Administration vermeidet direkte Eingriffe in innere Angelegenheiten der Kirchen, reagiert jedoch auf Situationen mit gesellschaftlicher oder sicherheitspolitischer Relevanz. Dieser Ansatz spiegelt das Bestreben wider, ein Gleichgewicht zwischen Religionsfreiheit und dem in der ukrainischen Verfassung verankerten Prinzip der staatlichen Säkularität zu wahren.
Seit Beginn von Selenskyjs Präsidentschaft blieb der religiöse Bereich in der Ukraine politisch sensibel, insbesondere aufgrund der Konkurrenz zwischen der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die bis heute eine kanonische Verbindung zum Moskauer Patriarchat bewahrt. Der Präsident vermied es, sich offen auf eine Seite zu stellen, und beschränkte sich auf Appelle zu gegenseitigem Respekt und gesellschaftlichem Frieden.
Nach dem Beginn der großangelegten russischen Invasion im Jahr 2022 verlagerte sich die staatliche Haltung gegenüber religiösen Institutionen stärker in Richtung sicherheitspolitischer Aspekte. Mehrere gesetzgeberische Initiativen zur Einschränkung der Tätigkeit von Strukturen mit Verbindungen zur Russischen Orthodoxen Kirche erhielten Unterstützung aus dem Präsidialamt. Selenskyj betonte dabei, dass Entscheidungen „nicht aus religiösen, sondern aus sicherheitspolitischen Gründen“ getroffen würden.
Zugleich pflegt der Präsident Kontakte zu Vertretern anderer Konfessionen – der griechisch-katholischen, muslimischen, jüdischen sowie protestantischen Gemeinschaften. Seine Teilnahme an interreligiösen Treffen ist überwiegend symbolischer Natur und dient der Hervorhebung der Rolle religiöser Organisationen im humanitären Bereich, bei der Unterstützung der Armee und der Zivilbevölkerung.
Insgesamt lassen sich Selenskyjs Beziehungen zu religiösen Gemeinschaften als pragmatisch und vorsichtig charakterisieren. Sie bilden keine eigenständige politische Agenda, sind jedoch ein wichtiger Bestandteil einer umfassenderen staatlichen Strategie: die gesellschaftliche Einheit zu wahren, ohne einer Konfession den Vorzug zu geben.
Religiosität im Krieg
Der Beginn der großangelegten russischen Invasion im Februar 2022 veränderte spürbar die Rhetorik Wolodymyr Selenskyjs, auch im Hinblick auf das Thema Glauben. In Ansprachen an Bürger und internationale Partner tauchten häufiger Verweise auf Gott, Moral und die geistige Stärke des Volkes auf. Diese Äußerungen blieben jedoch nicht konfessionell, sondern dienten vielmehr dem Ausdruck nationaler Solidarität und gemeinsamer moralischer Erfahrung.
In zahlreichen öffentlichen Reden spricht Selenskyj vom Glauben als einer inneren Ressource der Gesellschaft, die hilft, den Krieg zu bestehen. Formulierungen wie „wir sind alle gläubiger geworden“ oder „Gott sieht, wer auf der Seite des Guten steht“ haben einen universellen Charakter und sind keiner religiösen Tradition zugeordnet. Diese Kommunikationsstrategie erlaubt es dem Präsidenten, Bürger unterschiedlicher Konfessionen anzusprechen, ohne Ausgrenzung oder Politisierung des Glaubens zu riskieren.

Zugleich gewann das Thema Spiritualität in Selenskyjs internationalen Auftritten an Gewicht. In Reden vor Parlamenten und bei Treffen mit westlichen Staats- und Regierungschefs greift er häufig auf Kategorien wie Gut und Böse, Gerechtigkeit und Bestrafung des Bösen zurück – Begriffe mit moralisch-religiöser Konnotation, die jedoch im Kontext des Völkerrechts und humanitärer Prinzipien verwendet werden.
Religiöse Rhetorik erscheint auch in Gedenkansprachen, wenn Selenskyj gefallener Soldaten oder ziviler Opfer gedenkt. In solchen Momenten spricht er von der Seele, vom Gedächtnis und von Gerechtigkeit als höchstem Wert, ohne jedoch auf Dogmen oder kirchliche Traditionen Bezug zu nehmen.
Insgesamt ist Selenskyjs öffentliche Religiosität während des Krieges sichtbarer geworden, blieb jedoch neutral und überkonfessionell. Sie erfüllt vor allem die Funktion eines moralischen Katalysators gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit und spiegelt weniger den persönlichen Glauben des Präsidenten wider.
Internationaler Kontext und Wahrnehmung
Die religiöse Herkunft Wolodymyr Selenskyjs war wiederholt Gegenstand internationaler Kommentare, insbesondere nach Beginn des Krieges. Seine jüdische Herkunft wurde häufig als Kontrast zur offiziellen Rhetorik der russischen Führung über eine angebliche „Denazifizierung“ der Ukraine hervorgehoben – vor dem Hintergrund, dass der ukrainische Präsident aus einer Familie stammt, die unter dem Holocaust gelitten hat. Dieser Aspekt wird in westlichen Medien und politischen Analysen oft als Illustration der komplexen multikulturellen Geschichte der modernen Ukraine herangezogen.
In Israel und innerhalb der jüdischen Diaspora weltweit besteht ein deutliches Interesse an Selenskyjs Person, wobei offizielle Stellungnahmen religiöser Institutionen zurückhaltend bleiben. In einigen Medien wird er als Beispiel einer Person jüdischer Herkunft dargestellt, die keine aktive religiöse Praxis pflegt, jedoch eine Verbindung zum kulturellen Gedächtnis ihres Volkes bewahrt.
Im westlichen Diskurs hat die religiöse Dimension in der Darstellung Selenskyjs überwiegend symbolischen Charakter. Sein persönlicher Glaube wird selten konfessionell diskutiert; vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, wie er die Ukraine als Staat präsentiert, der religiöse Vielfalt respektiert. Für viele Beobachter ist dies ein Merkmal, das die moderne ukrainische politische Kultur von autoritären Modellen unterscheidet, in denen Religion häufig zur Legitimierung von Macht instrumentalisiert wird.

Gleichzeitig wurde Selenskyjs religiöse Herkunft in russischen und prokremlnahen Medien wiederholt in manipulativer Weise thematisiert. Solche Darstellungen zielten darauf ab, seine nationale oder geistige Identität infrage zu stellen, fanden jedoch keinerlei Bestätigung in verlässlichen Quellen.
Insgesamt formt sich die internationale Wahrnehmung von Selenskyjs Religiosität weniger um seine persönlichen Überzeugungen als um seine Rolle als säkularer Führer eines Staates mit hohem Maß an interkonfessioneller Toleranz. Seine religiöse Position bleibt privat, ist jedoch Teil eines umfassenderen Bildes – jenes eines Präsidenten, der für Offenheit und Zivilgesellschaft stehen will.
Schlussfolgerungen
Die Religiosität Wolodymyr Selenskyjs weist keinen ausgeprägten institutionellen oder konfessionellen Charakter auf. Seine Herkunft aus einer jüdischen Familie, die Erziehung in einem säkularen sowjetischen Umfeld und die bewusste Distanz zur kirchlichen Rhetorik formen das Bild eines Politikers, für den der Glaube eine private Sphäre bleibt. In seiner öffentlichen Tätigkeit wahrt er Neutralität, erkennt die Bedeutung der Religion für die Gesellschaft an, nutzt sie jedoch nicht als Instrument politischer Legitimation.
Während des Krieges sind religiöse Motive in den Ansprachen des Präsidenten präsenter geworden, ihr Gehalt bleibt jedoch allgemein-moralisch und nicht theologisch. Der Glaube wird als universelle Kategorie verstanden, die allen Bürgern gemeinsam ist – unabhängig von konfessioneller Zugehörigkeit. Dieser Ansatz trägt zur Bewahrung der inneren Einheit in einem multikonfessionellen Staat bei.
Auch die internationale Wahrnehmung Selenskyjs ist überwiegend säkular geprägt: Seine religiöse Identität gilt als Teil seiner persönlichen Geschichte, nicht als politischer Faktor. Zugleich werden Herkunft und Haltung zur Religion häufig als Beispiel für den Wandel postsowjetischer Gesellschaften herangezogen – vom offiziellen Atheismus hin zur Anerkennung der Religionsfreiheit als demokratischem Wert.
So lässt sich Selenskyjs Religiosität als unausgesprochen, aber vorhanden beschreiben: Sie ist nicht doktrinär formuliert, zeigt sich jedoch in ethischer Sprache, humanistischen Leitlinien und dem Streben nach Inklusivität. Politisch entspricht dies dem Modell eines modernen säkularen Staates, in dem der Glaube nicht als Machtzeichen, sondern als persönliche Angelegenheit des Bürgers verstanden wird.
Zitate von Wolodymyr Selenskyj über Gott und den Glauben (2019–2025)
| Nr. | Datum / Anlass | Zitat (Ukrainisch) | Quelle |
|---|---|---|---|
| 1 | 20. April 2025, Ostern | „Das Böse mag seine Stunde haben, aber Gott wird seinen Tag haben. Möge Frieden sein. Möge die Ukraine sein.“ | Osteransprache des Präsidenten; Reuters |
| 2 | 20. April 2025, Ostern | „Möge Gott alle beschützen, die retten, heilen und lehren. Heute beten wir für jeden.“ | Präsidialamt, Text der Ansprache |
| 3 | 20. April 2025, Video | „Möge all dies in Erfüllung gehen. Möge Gott uns dabei helfen. Christus ist auferstanden!“ | Veröffentlichung des Präsidenten in sozialen Netzwerken |
| 4 | 5. Mai 2024, Ostern | „Ukrainer gehen nur im Gebet auf die Knie.“ | Osteransprache 2024 |
| 5 | 16. April 2023, Ostern | „Diese blau-gelbe Flagge wird gewiss auf unserem gesamten, von Gott gegebenen Land wehen – auf allen vorübergehend besetzten Gebieten.“ | Ostergruß 2023 |
| 6 | 24. Dezember 2023, Weihnachten | „Möge unsere Ukraine Sieg und Frieden bringen. So gebe Gott!“ | Weihnachtsansprache 2023 |
| 7 | 24. April 2022, Ostern | „Dieses große Fest schenkt uns heute große Hoffnung und unerschütterlichen Glauben, dass das Licht die Dunkelheit besiegt, das Gute das Böse, das Leben den Tod.“ | Osteransprache 2022 |
| 8 | 3. März 2022, Ansprache | „Es gibt keinen Bunker, der Gottes Antwort überstehen könnte. Wir werden die Kathedrale wiederaufbauen und alle Spuren des Krieges beseitigen.“ | Ansprache zu den Beschüssen |
| 9 | 3. März 2022, Ansprache | „Selbst wenn ihr alle unsere ukrainischen Kathedralen und Kirchen zerstört, werdet ihr unseren Glauben nicht zerstören – unseren aufrichtigen Glauben an die Ukraine und an Gott.“ | Dieselbe Ansprache vom 03.03.2022 |
| 10 | 21.–22. Dezember 2022, Rede vor dem US-Kongress | „Möge Gott unsere tapferen Krieger und Bürger beschützen. Möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika stets segnen.“ | Text der Rede vor dem US-Kongress |
| 11 | Ostern, Videoansprache (jährlich wiederkehrend) | „An Ostern bitten wir Gott um große Gnade, damit sich unser großer Traum erfüllt – der Tag, an dem der große Frieden kommt.“ | Video auf den offiziellen Kanälen |
| 12 | 24.–25. Dezember 2024, Weihnachten | „Möge das Licht des Glaubens in euren Seelen herrschen …“ | Weihnachtsansprache 2024 |
| 13 | ≈ Juni 2020, Interview | „Ich glaube an Gott. Und mir scheint, dass Er mir sehr hilft.“ | Interviewzitat, übermittelt von ukrainischen Medien |
Foto: Pressedienst des Präsidenten der Ukraine
RU
UK
EN