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Metropolit Epiphanius

Liebe Brüder und Schwestern! Ukrainisches Volk!

In den mehr als tausend Jahren der Geschichte unserer Staatlichkeit ist der Feind nicht nur einmal in das Land der Rus-Ukraine eingefallen.

Im Jahr 1169 wurde das goldkuppelige Kyjiw infolge eines Angriffs aus dem Nordosten, angeführt vom Susdal-Wladimirer Fürsten Andrei Jurjewitsch, erstmals in seiner Geschichte geplündert und niedergebrannt. Weder Kirchen noch Klöster, einschließlich des Höhlenklosters, blieben von der Verwüstung verschont. 1708 eroberten die Truppen des Moskauer Zaren die Hauptstadt des Hetmanats Baturyn, töteten alle Einwohner und brannten sie nieder. Im Jahr 1918 besetzten bolschewistische Abteilungen im Namen einer in Charkiw auf Befehl der russischen Regierung geschaffenen Marionetten-„Republik“ für mehrere Monate Teile der Ukraine, einschließlich Kyjiw, und unterwarfen die Bewohner der besetzten Gebiete, darunter auch Geistliche, dem Terror.

Dies sind nur einige anschauliche Beispiele aus der Geschichte der Beziehungen zwischen der Ukraine-Rus und Moskowien. Ihre Lehre ist sehr einfach: In der Einheit liegt unsere Stärke, innere Zwietracht und Konfrontation hingegen sind der Weg in die Versklavung durch den Feind.

Auch die Folgen dieser Versklavung sind bekannt. Von allen objektiven Forschern wird die Plünderung und Zerstörung Kyjiws im Jahr 1169 als Schlüsselmoment anerkannt, der zum Zerfall der Rus als Staat führte und sie schutzlos gegenüber der mongolischen Invasion machte. Die Niederlage des Hetmanats mündete in die Leibeigenschaft des ukrainischen Volkes sowie in die imperiale Auslöschung unserer Identität. Die bolschewistische Besatzung brachte der Ukraine Repressionen, Terror und bis dahin in der Weltgeschichte beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit, deren größtes der Holodomor-Genozid der Jahre 1932–1933 war.

Daher kann es für uns, für das ukrainische Volk, auf die Aggression aus dem Kreml nur eine Antwort geben: geschlossener Widerstand, Verteidigung der Heimat, der Freiheit und der Würde sowie der Kampf gegen den Aggressor bis zum Sieg.

Wir, das ukrainische Volk, mögen unterschiedliche Überzeugungen haben, doch der Staat Ukraine ist einer. Die Geschichte hat wiederholt bewiesen, dass nur eine souveräne, unabhängige Ukraine jener Raum ist, in dem Bürger mit unterschiedlichen politischen Ansichten, verschiedener ethnischer Herkunft und unterschiedlichen religiösen Überzeugungen frei bleiben und die Fülle ihrer Rechte und Freiheiten genießen können. Umgekehrt zeigt das Leben in den bislang von Russland besetzten ukrainischen Gebieten der Krim und des Donbas, dass mit den kremltreuen Besatzern Blutvergießen, Zerstörung, Unfreiheit und Angst kommen.

Daher rufe ich alle zum Schutz der Ukraine vor der russischen Aggression auf. Ich rufe dazu auf, für die ukrainische Staatlichkeit zu kämpfen, die Streitkräfte und alle unsere Verteidiger zu unterstützen. Gemeinsam sind wir fähig standzuhalten. Mit Gottes Hilfe werden wir diesen Kampf gewinnen.

Auf unserer Seite steht die Wahrheit. Unser Staat wird von der Weltgemeinschaft, von allen Menschen guten Willens, unterstützt. Millionen erheben täglich ihre Gebete für den Frieden für die Ukraine.

Der Herr hat unserem Volk schon oft geholfen, ihm Kraft und Weisheit gegeben, Herausforderungen zu überwinden. Ich bin überzeugt, dass Gott uns auch in den gegenwärtigen Prüfungen helfen wird, die Wahrheit zu verteidigen und einen gerechten Frieden zu bekräftigen.

Besonders möchte ich mich an die orthodoxen Brüder und Schwestern wenden, die in der Ukraine dem Moskauer Patriarchat angehören. Der Kreml weitet seine Aggression aus und benutzt dabei die Rhetorik des „Schutzes der Orthodoxie“. Wartet nicht darauf, dass eure Führung den Mut findet, das Schweigen zu brechen und endlich etwas zum Schutz des Friedens und der Ukraine zu sagen – tut dies jeder persönlich. Der Aggressor muss hören und sehen, dass ihr ihn nicht erwartet, seine Truppen und seine Macht nicht braucht. Das ist die bürgerliche und christliche Pflicht eines jeden von euch persönlich.

Ich wende mich auch an alle Mitbürger: Die Ukraine ist stolz auf den interkonfessionellen und interethnischen Frieden. So sehr der Kreml in diesen Jahren auch versucht hat, Konfrontationen zu schüren – es ist ihm nicht gelungen. Gemeinsam werden wir auch jetzt keine Verletzung dieses inneren Friedens zulassen. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine ruft dazu auf, keine Gewalt gegen das Eigentum der Gemeinden des Moskauer Patriarchats in der Ukraine oder gegen Anhänger der Russischen Orthodoxen Kirche zuzulassen. Wenn ihr Zeugen konkreter rechtswidriger Handlungen im Interesse des Aggressors werdet, auch solcher, die mit religiösen Parolen verschleiert sind – handelt nach dem Gesetz, wendet euch an die Strafverfolgungsbehörden und lasst euch nicht provozieren. Der Feind sucht nur nach einem Vorwand zur Rechtfertigung seiner Aggression – unsere gemeinsame Aufgabe ist es, seine Pläne zu vereiteln.

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich rufe alle dazu auf, Besonnenheit des Geistes zu bewahren, Maß in Worten und Taten zu halten und der Angst nicht nachzugeben. Auf unserer Seite steht die Wahrheit, und damit auch die Hilfe des Herrn und der Sieg. In dieser verantwortungsvollen Zeit wende ich mich an euch mit denselben Worten, mit denen der Prophet Mose zu dem Volk sprach, als es ein großes Heer gegen sich aufziehen sah: „Fürchtet euch nicht, steht fest, und ihr werdet das Heil des Herrn sehen, das er euch heute schaffen wird […]; der Herr wird für euch kämpfen, ihr aber sollt still sein“ (Ex 14,13–14).

Mit dem Gebet auf den Lippen, mit Liebe zu Gott, zur Ukraine und zum Nächsten kämpfen wir gegen das Böse – und wir werden den Sieg sehen.

Ich rufe den Segen des Herrn über den ukrainischen Staat, über die Krieger, die die Ukraine verteidigen, und über unser ganzes Volk herab!

Großer, einiger Gott, behüte uns die Ukraine!

Epiphanius,
Metropolit von Kyjiw und der ganzen Ukraine

22. Februar 2022

Übersetzung aus dem Ukrainischen. Original: Metropolit Epiphanius rief zum Schutz der Ukraine vor der russischen Aggression auf